Sexueller Missbrauch, Kindeswohl und Umgangsrecht

Viele Therapeuten und Fachleute, die regelmäßig mit vielen Opfern arbeiten und eine Vielzahl von Fällen und Gerichtsbeschlüssen kennen, sind sich einig, dass das Kindeswohl in den Fällen mit Verdacht auf Misshandlung und häuslicher Gewalt nicht berücksichtigt wird.

Wenn der Verdacht auf den Vater fällt und diesem nachgegangen wird, zeigt sich oft, dass aus Mangel an strafrechtlich verwertbaren Beweisen der Verdacht vom Strafgericht fallen gelassen wird und sich das Familiengericht dieser Einschätzung direkt anschließt. Der Rechtsgrundsatz “in dubio pro reo” mag im Strafrecht gelten, jedoch ist im Familienrecht das Kindeswohl das entscheidende Kriterium und ist vorrangig zu behandeln.
Strafrechtlich relevante Beweise, wie Videos, Zeugen oder eineindeutige genitale Verletzungen, gibt es nur äußerst selten.
Im Allgemeinen teilen sich die betroffenen Kinder einer Vertrauensperson an, vor allem der Mutter oder der Oma. Die Aussagen der Mutter vor dem Familiengericht werden aber grundsätzlich vom Anwalt des Vaters als manipulativ und unglaubwürdig dargestellt. In diesen Situation greift das Gericht dann auf einen Gutachter zurück, der die Aussagetüchtigkeit und die Frage des Kindeswohls in der Situation beurteilen soll. Das Ergebnis dieser Gutachten ist grundsätzlich, dass das Kind keine zuverlässige Zeugenaussage machen kann und dass es eine Bindung zum Vater hat. Aus diesem Befund wird regelmäßig fehlerhaft geschlussfolgert, dass die Aussagen von Mutter und Kind nicht ernst zu nehmen sind und dass das Kind unter allen Umständen von einem Kontakt mit dem Vater profitiert.
So kommt es dazu, dass gerade kleine Kinder, die am meisten Schutz bedürfen, den geringsten Schutz bekommen, was zu schrecklichen Folgen für ihre persönliche Entwicklung führt.

“Kinder, denen geglaubt wird, zeigen ihr Leid offen und können sich schließlich auch helfen lassen, zumindest wenn ihre Sicherheit gewährleistet ist. Kinder hingegen, deren Hilferufe ungehört verhallen, „adaptieren“ sich an die Missbrauchssituation, richten ihr Körperbild und ihr Selbstkonzept danach aus und gehen langsam daran kaputt. Wollen wir das?”

Inhalt zusammengefasst aus dem Vorwort von Dorothea Weinberg
(Dipl. Psych. Psychoth., Kinder- und Jungendlichenpsychotherapeutin, Traumapsychologin, Magister der Theologie)
„Kinder unter Druck“ ein interdisziplinärer Fachtag
Das Spannungsfeld von Verdacht auf sexuellen Missbrauch, Kindeswohl und Umgangsrecht Nürnberg, 20. September 2004
http://www.wildwasser-nuernberg.de/downloads/fachtag_doku.pdf

Zu viele Opfer – mehr als ein Kind jede Stunde missbraucht (ohne Dunkelziffer)

Auszüge aus dem Interview „Sexuelle Gewalt kann nie ganz verhindert werden“ von Christian Sommert 22.08.2014:

http://www.erf.de/index.php?node=2803-542-4806

“Über 13.000 Kinder haben laut Bundeskriminalamt 2013 sexuelle Gewalt erlitten. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Statistiken legen nahe, dass jede vierte Frau und jeder siebte Junge im Laufe des Lebens von sexueller Gewalt betroffen ist. “

“ERF Online: Woher kommen die Täter üblicherweise?
Christian Rommert: In 90 Prozent der Fälle sind es männliche Täter: der Vater, Onkel, aber auch der Fußballtrainer oder der Pastor in der Gemeinde. Ansonsten kommen die Täter aus allen gesellschaftlichen Schichten und Bereichen des Lebens. Es gibt keine Gruppe, die besonders aktiv wäre. Ein großer Mythos ist der Glaube, dass man einen Täter anhand bestimmter Dinge zweifelsfrei identifizieren kann oder dass er aus einer gewissen sozialen Schicht kommt. In über 70 Prozent der Fälle ist es so, dass der Täter aus dem näheren Familienkreis kommt. Dass jemand mit Schokolade ein Kind ins Auto lockt – das ist die Ausnahme.”